Eine Schultersteife, auf Englisch häufig Frozen Shoulder genannt, ist eine schmerzhafte Erkrankung der Schulter, bei der die Beweglichkeit zunehmend eingeschränkt wird. Viele Betroffene berichten, dass sie den Arm nicht mehr richtig heben, nicht mehr hinter den Rücken greifen oder nachts kaum noch auf der betroffenen Seite liegen können. Im Alltag werden einfache Dinge wie Anziehen, Autofahren, Haarewaschen oder das Greifen in ein Regal plötzlich schwierig.
Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers. Damit diese grosse Beweglichkeit möglich ist, wird das Gelenk von einer relativ weiten Gelenkkapsel umgeben. Bei einer Frozen Shoulder entzündet sich diese Kapsel, verdickt sich und zieht sich zusammen. Dadurch entsteht eine Art „innere Schrumpfung“ des Schultergelenks. Die Folge sind Schmerzen und eine zunehmende Einsteifung – nicht nur bei aktiven Bewegungen, sondern auch dann, wenn die Schulter durch die Ärztin, den Arzt oder die Physiotherapie passiv bewegt wird.
Typischerweise tritt die Erkrankung zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Ein erhöhtes Risiko besteht unter anderem bei Diabetes mellitus, Schilddrüsenerkrankungen oder nach längerer Ruhigstellung der Schulter. Manchmal entsteht die Schultersteife ohne erkennbaren Anlass. In anderen Fällen entwickelt sie sich nach einer Verletzung, Operation oder im Zusammenhang mit anderen Schulterproblemen wie einer Kalkschulter oder einer Sehnenverletzung.
Die Frozen Shoulder verläuft häufig in mehreren Phasen. In der ersten Phase stehen Schmerzen im Vordergrund, oft auch nachts. Danach nimmt die Beweglichkeit immer weiter ab, während die Schmerzen langsam weniger werden können. In der dritten Phase löst sich die Steife allmählich wieder. Dieser natürliche Verlauf kann jedoch lange dauern – nicht selten zwölf Monate oder deutlich länger. Auch wenn die Erkrankung grundsätzlich gute Heilungschancen hat, kann sie für Beruf, Sport, Schlaf und Alltag sehr belastend sein.
Die Diagnose ergibt sich in vielen Fällen bereits aus der Krankengeschichte und der klinischen Untersuchung. Typisch ist, dass die Schulter nicht nur bei eigener Bewegung, sondern auch bei passiver Untersuchung deutlich steif ist. Besonders auffällig ist häufig die eingeschränkte Aussenrotation, also das Drehen des Arms nach aussen. Wichtig ist dabei, andere Ursachen für Schulterschmerzen auszuschliessen, zum Beispiel eine Arthrose, eine Kalkschulter, eine Sehnenverletzung der Rotatorenmanschette oder Folgen eines Unfalls.
In unserer spezialisierten Schultersprechstunde helfen gezielte Untersuchung, Ultraschall und Röntgen weiter. Der Ultraschall kann Hinweise auf Entzündungen, Kapselveränderungen oder begleitende Sehnenprobleme geben. Ein Röntgenbild ist sinnvoll, um knöcherne Veränderungen oder eine Arthrose auszuschliessen. Ein MRT ist bei Verdacht auf eine Frozen shoulder oftmals nicht notwendig, kann aber hilfreich sein, wenn die Diagnose unklar ist oder zusätzliche Erkrankungen vermutet werden.
Die gute Nachricht: Die meisten Patientinnen und Patienten mit einer Frozen Shoulder können ohne Operation behandelt werden. Entscheidend ist, die Behandlung an die aktuelle Phase der Erkrankung anzupassen. In der schmerzhaften Entzündungsphase steht zunächst die Schmerzlinderung im Vordergrund. Zu intensive Dehnungen können in dieser Phase die Beschwerden eher verstärken. Sinnvoll sind angepasste Physiotherapie, ein Heimübungsprogramm, entzündungshemmende Medikamente und – je nach Situation – eine gezielte Kortisoninfiltration in das Schultergelenk.
Wenn die Schmerzen abnehmen und die Einsteifung im Vordergrund steht, wird die Beweglichkeit schrittweise wieder aufgebaut. Dabei ist Geduld wichtig: Die Schulter lässt sich nicht „mit Gewalt“ gesund trainieren. Ein gut dosierter, regelmässiger Aufbau ist meist erfolgreicher als seltene, sehr intensive Behandlungen.
Die grosse britische UK-FROST-Studie verglich drei häufig eingesetzte Behandlungswege bei primärer Frozen Shoulder: strukturierte Physiotherapie mit Kortisoninjektion, Mobilisation der Schulter in Narkose und arthroskopische Kapsellösung. Nach zwölf Monaten zeigte sich im Durchschnitt keine klare Überlegenheit einer der drei Behandlungen hinsichtlich Schmerz und Funktion. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Nicht jede Frozen Shoulder muss früh operiert werden. Häufig ist ein konservatives Vorgehen sinnvoll und ausreichend.
Gleichzeitig zeigte die Studie auch Unterschiede im Behandlungsweg: Eine Operation kann in ausgewählten Situationen helfen, wenn Beschwerden trotz sorgfältiger konservativer Therapie hartnäckig bleiben oder die Einschränkung im Alltag, Beruf oder Sport sehr ausgeprägt ist. Deshalb sollte die Entscheidung nicht schematisch, sondern gemeinsam nach Untersuchung, Verlauf und persönlichem Anspruch getroffen werden.
Eine operative Behandlung ist bei Frozen Shoulder nicht die Regel, kann aber bei anhaltenden, therapieresistenten Beschwerden sinnvoll sein. Bei ausgeprägter und hartnäckiger Schultersteife bevorzuge ich in der Regel eine arthroskopische Kapsellösung. Dabei wird die verdickte und geschrumpfte Gelenkkapsel über kleine Hautschnitte mit einer Kamera kontrolliert gelöst – meist zirkulär, also über 360 Grad. Erst danach wird die Schulter vorsichtig mobilisiert. Dieses Vorgehen erlaubt eine kontrollierte Behandlung der Kapsel und reduziert das Risiko einer unkontrollierten Einrissverletzung.
In leichteren, aber dennoch hartnäckigen Fällen kann auch eine Mobilisation der Schulter in Narkose eine Option sein. Dabei wird die eingesteifte Schulter unter Narkose vorsichtig gelöst. Welche Methode sinnvoll ist, hängt von der Ausprägung der Steife, der Schmerzphase, Begleiterkrankungen, den beruflichen Anforderungen und den persönlichen Zielen ab.
Ob konservativ oder operativ behandelt wird: Die Nachbehandlung ist entscheidend. Regelmässige, gut angeleitete Übungen helfen, die Beweglichkeit wiederzugewinnen und Rückfälle zu vermeiden. Nach einer Operation beginnt die Physiotherapie meist früh, damit die neu gewonnene Beweglichkeit erhalten bleibt. Wichtig ist dabei ein ausgewogenes Verhältnis: konsequent üben, aber die Schulter nicht dauerhaft überreizen.
Eine Abklärung ist sinnvoll, wenn Schulterschmerzen über mehrere Wochen anhalten, die Beweglichkeit deutlich abnimmt, Nachtschmerzen bestehen oder der Arm im Alltag immer weniger eingesetzt werden kann. Auch wenn bereits eine andere Schulterdiagnose bekannt ist – zum Beispiel Kalkschulter, Sehnenriss oder Arthrose – sollte geprüft werden, ob zusätzlich eine sekundäre Schultersteife entstanden ist.
Die Frozen Shoulder ist schmerzhaft und oft langwierig, hat aber in den meisten Fällen eine gute Prognose. Entscheidend sind eine sorgfältige Diagnose, das Erkennen der jeweiligen Krankheitsphase und ein individuell abgestimmtes Vorgehen. Meist steht die konservative Behandlung im Vordergrund. Wenn die Schulter trotz Geduld, Physiotherapie und gezielter Schmerzbehandlung hartnäckig steif bleibt, können eine Narkosemobilisation oder – bei ausgeprägteren Fällen – eine arthroskopische Kapsellösung sinnvolle Optionen sein.
Herzlichst
Ihr Dr. med. Olaf Büttner
Dr. med.
Olaf Büttner
Dipl. Physiotherapeut
Standortleitung Orthophysio Herisau
Titel:
Dipl. Physiotherapeut (2015 Bad Waldsee)
Fort- und Weiterbildungen:
Sport- und Gymnastiklehrer
Funktionelle Manuelle Therapie
Manuelle Lymphdrainage
Medical Taping Concept
Staatlich anerkannten Trainer C Leistungssport Tennis
Berufliche Tätigkeiten:
Orthophysio seit 2019
Physio im Zentrum Wittenbach 2015 – 2019
Sprache:
Deutsch, Englisch
Standort:
Herisau / St. Gallen
EMail: physio@ortho-sg.ch
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